Donnerstag, 19. Januar 2012
Krankenhaus
Als heute morgen um halb neun mein Telefon im Büro schellte und ich auf die Nummer sah, ahnte ich es schon fast: meine Mutter. Aus der Uniklinik...

Papa hatte in den frühen Morgenstunden erneut einen leichten Schlaganfall. Erneut hat er Schwein gehabt, erneut ist nahezu nichts an Einschränkungen geblieben, nur seine Zunge ist noch etwas schwerfällig. Soll heißen, er spricht ein wenig wie nach drei Bier. Mehr nicht.

Man kann nicht abstreiten, dass das ganze Prozedere mittlerweile fast routiniert abläuft, die Tasche fürs Krankenhaus ist zwar nicht fertig gepackt, aber man muss auch nicht mehr überlegen, was man alles braucht. Da ich für den technischen Support verantwortlich bin, habe ich dann auch gleich die MediaCard beim Eintreffen im Krankenhaus besorgt, samt Kopfhörer, der origineller Weise direkt zwischen Mars und Snickers in der 24-Stunden-Snack-Bar erworben werden kann. Diese Karten freischalten kann ich mittlerweile nachts um drei und zwar bei allen gängigen, auf dem Markt befindlichen Gerätetypen. Bei der Zimmernachbarin - Intensiv trennt ja die Geschlechter nicht - bin ich auch fürs Nachtgebet vorgesehen, weil ich ihre Karte gleich mit aktiviert habe.

Auch ohne eigene Kinder bin ich mittlerweile im Füttern geübt - warum gibt es eigentlich immer Rote-Beete-Salat in Krankenhäusern? Weil der die tollsten Flecken macht, wenn ein Blinder versucht, ihn alleine zu essen? Man hat wie am Frühstückstisch mit Kindern immer eine Hand zur Rettung umfallender Gläser parat und fängt nebenbei noch mit der dritten Hand den abrutschenden Teelöffel auf. Man muss der Motorik nur genug Aufgaben stellen, dann geht vieles.

Zu dem Arzt sagt man schon "Hallo, wir kennen uns ja noch.", die eine Schwester begrüßt man auch wie eine Nachbarin, die Begriffe Hirnstamminsult, MRT, CT, Arteriitis temporalis etc.pp. fließen wie selbstverständlich schon in die eigenen Sätze ein. Und die Schlaganfall-Diagnostik der Neurologen kann ich auch, falls mal jemand Bedarf hat. Wobei, die Nummer mit dem Wasser trinken war heute neu, aber man hat die alten Tests ja mittlerweile verinnerlicht, da kann etwas Abwechslung nicht schaden.

Irgendwann sind seine Karma-Punkte verbraucht, meines Erachtens ist er eh schon in der Überziehung. Und diese brutale Regelmäßigkeit der letzten Monate - Schlaganfall, 14 Tage Krankenhaus, drei Wochen Reha, zwei, drei Wochen zu Hause und dann wieder von vorne - zehrt an allen. Bin gerade ziemlich alle. Und es ist auch wirklich nur der pure Zynismus, der mich die vorangegangenen Abschnitte schreiben ließ.

Bin längst damit klar, dass es irgendwann nicht so relativ glimpflich ausgehen wird. Dann wird er bei einem der nächsten zu erwartenden Schlaganfälle sterben. Ich wünsche nur, dass es ihn nicht noch zu einem Pflegefall werden läßt. Das hat er einfach nicht verdient, so viele Karma-Punkte muss ich bei mir immer auf dem Konto haben, damit ich sie ihm bei Bedarf einfach überweisen kann.

Ach, Papa...

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Mittwoch, 18. Januar 2012
Lotta
Heute endlich daran gedacht, einen Artikel zu lesen, der mir letztens einfach zu lang war. Und dann ein paar Tage bei den anderen Bookmarks lag.

Machen Sie es mir bitte nicht nach und nehmen Sie sich gleich direkt ein bißchen Zeit um diesen Bericht zu lesen, der von Lotta erzählt. Und wie sich alles verändert hat, seit Lotta die kleine Schwester von Ben ist. Und eben das schwer behinderte Kind von Sandra und Harry.

Man kann kaum erfassen, wie schwer vieles für die Beiden sein muss, wenn es uns selbst doch schon beim Lesen zerreißt. Und vermutlich noch viel weniger ermessen, wie schön manches erst durch Lotta geworden ist.

Oder wie Ben singen würde: "Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst..."

Link zu einer PDF-Datei...Achtung: wird direkt geladen !! "Dass es dich gibt"
von Sandra Roth aus Externer Link ZEITonline vom 12.01., Print im ZEITmagazin vom gleichen Tag.

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Sonntag, 15. Januar 2012
Woche 2
Eigentlich plätschert es so dahin. Kaum da, ja schon ein Pale*ttenmu*ckel auf Zeit, besteht kein wirkliches Bestreben beiderseits, dass ich mich dort richtig einarbeiten muss. Natürlich arbeite ich da ordentlich, allerdings ist eh klar, dass das ein Erfahrungsjob ist und ich diese Erfahrung in den paar Wochen nicht bekommen werde. Schon gar nicht, wenn ich ab übernächster Woche nur noch drei Stunden in der Abteilung bin.

So und nun zum schon geteaserten Teil der Woche: es sind alle so nett und freundlich zu mir, dass mir natürlich auch das schon wieder als Grund zum Grübeln gereicht. Einige glaube ich als wirklich erfreut zu identifizieren, vorrangig sind das die Kollegen, die einen aus den Jahren bis 2004 kennen. Insbesondere unsere beiden ersten Azubis. Beide bei Einstellung keine 18 - "Wie könnt ihr nur die einstellen? Die können nicht mal Essen holen fahren..." - baut die eine mittlerweilse mit ihrem Dauerfreund ein eigenes Haus und der andere ist verheiratet und berichtet voller Begeisterung von seiner 18 Monate alten Tochter. Die waren verwirrt mich zu sehen, aber eben auch erfreut.

Der Großteil der Firma hat zu mir die Einstellung, wie ich zu ihnen: man sieht sie ab und zu. Kennt, wenn es gut läuft und man lange genug da ist, vielleicht sogar die korrekte Schreibweise ihres Namens. Aber man sieht sich eben auch per se mal wochenlang nicht und fragt dann auch nicht nach. Soll heißen: ich glaube mittlerweile ziemlich fest, dass der Großteil nicht einmal wirklich realisiert hat, dass ich gekündigt hatte und nur durch eine Laune der AA wieder angespült wurde. Die hatten vielleicht noch etwas von meinem Hörsturz mitbekommen - danach wurde zwei, drei Mal gefragt, ob ich denn wieder gesund sei, ich hätte doch da 'was an den Ohren gehabt -, aber per se kommen und gehen Kollegen da halt und man kann sich nicht alles merken. Hätte schon ein Mal gern bei einem besonders doofen Kollegen geantwortet, nein, nicht an den Ohren, mehr am Kopf. Aber man will sich ja auch nicht unnötig mit Informationen in den Flurfunk bringen.

Tja, und dann war ja auch in der Woche der OB wieder da. Ich nenne ihn in Zukunft einfach "Oberboss" (OB), ihm gehört alles dort, jeder Stuhl, jede Seele, er hat allerdings in keiner der operativen Firmen eine Tätigkeit, alles ist in einer übergeordneten Holding vereint. Und da man sich, wie ja bereits bemerkt, auch mal gerne ein paar Wochen aus dem Weg gehen kann, habe ich dann sämtlichen Mut am Dienstag zusammengenommen und ihm meine Aufwartung gemacht.

Mit jeder Treppenstufe stiegen Blutdruck und Nervosität, das war schon durchaus wieder sehr negativ, allerdings kein Vergleich mit Frühjahr 2011. Ich bemerkte bei mir auch schon ansatzweise diese seltsame Atemlosigkeit, respektive Schnappatmung, wenn ich ihm gegenüber stehe. Auch diese ließ erfreulicherweise nach ein paar Sätzen nach.

Kurzum: er hat nur Nettes gesagt und ich nur Unverbindliches. Eine der wenigen guten Eigenschaften von ihm ist vermutlich, dass er unterscheidet zwischen dem, was man von ihm denkt - ich habe da mittlerweile zwei Mal gekündigt, persönlich bei ihm, und definitiv nicht die Absicht gehabt, je wieder da aufzuschlagen, soll heißen, ich habe beide Male aus meinem Herz keine Mördergrube gemacht und ihm sehr deutlich gesagt, was ich von ihm halte und welche Auswirkungen das alles auf mich hat - und dem, was man sozusagen als Humankapital leisten kann.

Er weiß, dass ich ihn für ein absolutes Arschloch halte, das mir Weichei und Gutmenschen mittlerweile mehrere Jahre und 50% meines Gehörs gekostet hat - mir ist natürlich schon klar, dass im Grunde mich der Großteil der Schuld und Verantwortung trifft. Wäre ich direkt damals gegangen, wäre mir vieles erspart geblieben -, er schätzt trotzdem meine Arbeit. Man kann das natürlich auch unterkühlter formulieren: er weiß, dass ich für die Mehrung seines persönlichen und unternehmerischen Reichtums das optimale Ergebnis liefern kann. Ich glaube nicht, dass er so etwas wie Verantwortung mir gegenüber empfindet, wie ein Kollege mir ständig einzureden versucht. DAS würde mich auch wirklich belasten...

Es ist also alles gut. Alle sind nett. Meine beiden Kollegen sogar wirklich. Meine Kollegin in der Buchhaltung sogar sehr und auch sehr ehrlich. Die freut sich wirklich darauf, dass ich im Mai wieder mit ihr arbeite. Ich mich übrigens auch. Der AL würde - wäre er ein Hund - ständig sabbernd und schwanzwedelnd um mich herumtänzeln. Endlich jemand, der diese ganze fiese Angelegenheit mit Namen "Arbeit" wieder machen kann, in den letzten Monaten mußte er selber ran. Also sind auch seine Gefühle irgendwie echt, haben aber nichts ursächlich mit mir persönlich zu tun, würde er von einer anderen Person wissen, dass sie so arbeiten würde wie ich, wäre die ihm genau so recht und er würde an deren Bein hängen.

Natürlich habe ich ein extremes Harmoniebedürfnis per se in mir. Daher geht es mir gerade sehr entspannt, ich bin zwar kaputt von der Umstellung von monatelang krank auf Vollzeitarbeit, aber irgendwie erleichtert. Aber ich habe nichts vergessen, von den Mechanismen, die bei mir abgerufen werden, wenn gewisse Situationen wieder auftreten. Davor ängstigt es mich zumindest momentan zwar nicht, aber ich habe sie immer präsent. Erstens habe ich nur noch ein funktionierendes Ohr, also begrenztes Material zur Verschwendung, zweitens habe ich auch mittlerweile Angst, dass ich mal ganz umkippe und dann sabbernd nach Schlaganfall in der Ecke sitze. Die physiologischen Vorgänge sind da nicht so besonders unterschiedlich.

Und ich weiß genau so, dass irgendwann diese Entspannung zum Guten wieder dem Alltagsgefühl weichen wird, dass hier Menschen extrem schlecht behandelt werden, gemobbt werden, rausgeekelt werden, Arschkriecher befördert und Speichelleckerei honoriert wird. Und ich das mit meinem Gewissen nicht in Einklang bekommen werde. Und mich das wieder fertig macht. Auch wenn ich persönlich wieder nicht betroffen bin. Und alle sagen, mach Deine Arbeit und ignoriere den Rest. Ich weiß, dass das dann wieder nicht gehen wird. Und erst dann wird es spannend.

Und nicht jetzt.

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Donnerstag, 12. Januar 2012
Breaking News Woche 2
Meine Nachfolgerin hat gekündigt. Ach nee, ist - oder war ja gar nicht meine Nachfolgerin, sondern die für eine Kollegin, die ein paar Monate vor mir gekündigt hatte. Und für die es eigentlich einen Nachfolger gab. Der hat aber kurz nach meinem Hörsturz gekündigt. Und ich dachte, sie sei die Nachfolgerin des Nachfolgers oder aber eben meine...

Also, wie auch immer, eine Kollegin in der Buchhaltung hat gekündigt. Ich hoffe irgendwie für meine Nerven und Magenschleimhäute, Darmflora und Gehörgänge, dass da nicht der AL seine Finger treibend im Spiel hatte. Da mir aber geradezu freudig erregt von der Kündigung berichtet wurde, steht zu befürchten, dass der Dame bei der Entscheidung assistiert wurde...

Lange Rede, kurzer Sinn: man hat einen Buchhalter in der Lademittelverwaltung sitzen, der von der Materie eher rudimentäre Kenntnisse besitzt und einen unbesetzten Posten in der Buchhaltung. Sie ahnen es: man hat mich gefragt, ob ich in die Buchhaltung wechseln möchte. Möchte ich, ist schließlich mein Beruf und das, was ich zudem noch gut kann (wenn mir der öberste Boss noch ein einziges Mal einen Satz wie "Ich weiß, dass Sie das am Besten regeln werden." ins Gesicht sagt, kaufe ich mir eine Pumpgun und Sie hören dann von mir in den Nachrichten).

Bliebe nur ein Problem: eine Lademittelverwaltung mit zwei armen, reichlich ausgelasteten Azubis - von denen eine sogar schon Angestellte ist, aber man merkt es ihr nicht an, in keiner Weise - ohne "jemanden, der die Erfahrung hat, da die Leute zu leiten und da ein Auge drauf zu haben" - ich sage nur Pumpgun!

Da ich zwar von der Materie keine Ahnung habe, aber immerhin sogar zwei Augen besitze, werde ich also meine Arbeitszeit aufteilen in den nächsten Monaten. Morgens mache ich den Grüßaugust elder statesman bei den Beiden und stärke deren Arbeitsmoral, danach wechsele ich Abteilung und Gebäude und gehe meinem professionellen Handwerk nach: Bücher halten.

Fazit: Wenn ich nicht genau wüßte, dass ich einfach nur die schnelle Lösung für ein sehr kurzfristiges und gegebenenfalls sogar selbst gemachtes Personalproblem bin, wäre ich die letzten beide Tage in Schmeicheleien und Zuckerpuder erstickt! Meine Kollegen haben tatsächlich - nach meiner Kündigung wohlgemerkt - Ü-Eier-Krimskrams von meinem alten Arbeitsplatz zu meinem ja nie bezogenen Arbeitsplatz ins neue Gebäude gebracht. "Alles sei so, wie ich es mir gedacht hatte", ich habe wohlgemerkt dieses neue Büro überhaupt noch nie gesehen, geschweige denn betreten...unfassbar!! Und sagen, ja, denken Sie nicht mal, die sind ja alle süß da!

Und warum überhaupt hat dieser Mann, den ich so wenig mag und dem ich schon zwei Mal gekündigt habe, so eine Meinung von mir?!?

Ansonsten alles gut. Samstag werde ich dann mal im Wochenbericht schildern, wie das erste Gespräch nach Monaten mit dem Oberboss am Dienstag verlief und Sie werden sich danach fragen, was ich eigentlich überhaupt für ein Problem habe, ist doch alles supergut... *nerv*

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Sonntag, 8. Januar 2012
Traumreiche Nacht
Gleich zwei Träume heute Nacht.

Zuerst habe ich am ESC teilgenommen. Es war irgendwie der pure Spaß. Leider keine Siegerehrung , sehr bedauerlich.

Dann in einer Arbeitssituation: ein unbekannter Chef, der eine Firma, in der ich arbeite, restrukturiert. Aber nett, also wohl mehr ein Wunschtraum. Verwirrendes Detail: die Firma war in der Wohnung meiner Eltern untergebracht. Zum Wohnen groß für zwei, für eine Firma unglaubliches Gewusel, ständig Leute überall.

Anstrengende Nacht, ich sag es Ihnen.

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